Faktensammlung - ZDF-Sendung „Jäger in der Falle“

Fragen und Antworten zu Jagd und Jägern in Deutschland

Regelt sich die Natur selbst, wenn die Jagd eingestellt wird?

Für jede Art von Wildtier gibt es in seinem Lebensraum eine bestimmte Kapazitätsgrenze, die durch Faktoren wie Witterung, Nahrung, Fressfeinde und Krankheiten beeinflusst wird. Je dichter Tiere einer Art zusammenleben, desto einfacher haben es Parasiten und Krankheitserreger: Sie breiten sich schnell aus und es kommt zu Epidemien.

Für optimale Wildschweingebiete in Deutschland liegt die Kapazitätsgrenze bei über einer Million Tiere. Ohne Jagd wäre diese Grenze innerhalb weniger Jahre überschritten, da die jährliche Reproduktionsrate bei 230 Prozent liegt: Wo heute 100 Schweine leben wären es folglich in einem Jahr 330 Tiere. Ein konkretes Rechenbeispiel: Anhand der Zahl der erlegten Tiere für das Jagdjahr 2012/13 (ca. 644.000 Tiere) lässt sich ein fiktiver Frühjahrsbestand im Jahr 2012 von 300.000 Tieren festlegen. Ohne Jagd hätte der Frühjahrsbestand 2013 bei 990.000 Tieren gelegen, im Frühjahr 2014 dann bei 3,3 Millionen.

Ohne Jagd stiege das Schweinepest-Risiko innerhalb weniger Jahre so stark an, dass es unweigerlich zu einer Epidemie käme – die Natur regelt sich dann tatsächlich selbst. Doch sind die Folgen ethisch und ökonomisch vertretbar? Der Krankheitsverlauf ist für das einzelne Schwein qualvoll und meist tödlich. Beim Auftreten der Schweinepest in Wildtierbeständen gilt ein regionales Export-Verbot für jegliches Schweinefleisch aus Deutschland. Der volkswirtschaftliche Schaden durch sich unkontrolliert vermehrende Wildschweine wäre nicht absehbar. Bereits heute verursachen Wildschweine in einer Nacht Schäden, die pro Feld bereits mittlere vierstellige Euro-Werte erreichen.

 

Wie wurde die Kapazitätsgrenze von über einer Million Schweine festgelegt?

Experimente zeigen: In naturnahen Gattern ohne Zufütterung können bis zu 10 Wildschweine pro 100 Hektar problemlos leben, die Werte in der Literatur sind teilweise noch deutlich höher. Der derzeitige Frühjahrsbestand in freier Natur liegt für Deutschland bei etwa 0,5 Sauen pro 100 Hektar. In optimalen Habitaten (Wald und angrenzende Bereiche) erreichen Schweine in Deutschland Dichten von etwa 1,5 Individuen pro 100 Hektar. Anhand der Gatterzahlen bedeutet dies für etwa 11 Millionen Hektar Waldfläche: Die Kapazitätsgrenze liegt bei über einer Million Schweine. Da Feldflächen ebenfalls besiedelt werden, liegt die eigentliche Grenze etwas höher.

Quellen: Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover; Richard B. Primack, Essentials of Conservation Biology; Lutz Briedermann, Schwarzwild; Deutscher Jagdverband, WILD-Bericht 2010


Sind Fütterungen durch Jäger Schuld am Boom der Paarhufer in Deutschland?

Fütterungen von Wildtieren durch Jäger sind in den meisten Bundesländern gänzlich verboten. In Notzeiten – etwa bei hohen Schneelagen oder Überschwemmungen – können Behörden für Pflanzenfresser wie Hirsche eine Fütterung (beispielsweise mit Heu) verfügen.

In unserer Kulturlandschaft bereitet der Mensch für Wildtiere ein regelrechtes Schlaraffenland und füttert so ganz nebenbei das ganze Jahr über. Futterquelle Nummer eins: Die künstlich erzeugte Klimaerwärmung sorgt im Wald für steigende Samenproduktion bei Eichen und Buchen. Sogenannte Mastjahre gibt es in neuester Zeit alle zwei Jahre. Dann produzieren Eichen und Buchen bis zu 11 Tonnen Samen pro Hektar. Noch vor 50 Jahren gab es Mastjahre etwa alle sieben Jahre. Futterquelle Nummer zwei und Extra-Lebensraum: Raps- und Maisfelder, sie bedecken zwischenzeitlich 11 Prozent der Fläche Deutschlands. Seit 1960 hat sich deren Fläche in Deutschland um den Faktor 26 vergrößert. Der Getreide-Ertrag pro Hektar stieg im selben Zeitraum von 2,5 Tonnen pro Hektar auf 7. Seit den 1990er Jahren ist Raps besonders attraktiv für Landwirte, weil Bitterstoffe herausgezüchtet wurden. Das schmeckt auch Reh und Wildschwein. Mais hat in den 2000er Jahren einen Boom für die Biogas-Produktion erlebt. Insbesondere Wildschweine profitieren. Sie werden aufgrund der guten Nahrungslage bereits ab fünf Monaten geschlechtsreif, weil sie dann bereits 30 Kilogramm wiegen können. In milden Wintern erreichen dann von den bis zu acht Jungen, die eine Bache großziehen kann, besonders viele die Geschlechtsreife.

Quellen: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft; Thünen-Institut für Waldökologie Eberswalde; www.wirtschaftundgesellschaft.de


Wie entwickeln sich die Bestände der Paarhufer außerhalb Deutschlands und was sind die Ursachen?

Der Siegeszug von Wildschwein, Reh und Hirsch ist nicht nur in Deutschland zu beobachten. Ein Vergleich der Jagdstatistik von 1970 und 2009 in europäischen Nachbarländern zeigt deutliche Zuwachsraten: Schweiz plus 81 Prozent, Österreich plus 87 Prozent, Tschechien sogar plus 310 Prozent. Deutschland liegt mit plus 133 Prozent im Mittelfeld.

Besonders erfolgreich ist das Wildschwein – weltweit und unabhängig von Jagdgesetzgebung. Es hat in Europa mittlerweile Regionen über 1000 Höhenmetern erobert. Schweden gehört mittlerweile zum festen Lebensraum der Schwarzkittel, ebenso wie Norwegen und Dänemark, die bis vor Kurzem als wildschweinfrei galten. Folgerichtig steigt weltweit die Zahl der erlegten Wildschweine an. In Österreich seit 1975 um den Faktor 10, in Polen und Japan um den Faktor 4.

Als Hauptursachen für die Ausbreitung des Wildschweins sehen Experten verbesserte Lebensgrundlagen und fehlende Witterungsextreme dank des Klimawandels. Bitterstofffreie Nahrung wie Raps und Mais wird europaweit großflächig angebaut. Hinzu kommen der Stickstoffeintrag durch die Luft und höhere Kohlendioxidwerte: Eichen und Buchen produzieren weit mehr schmackhafte Samen als vor einigen Jahrzehnten.

Quellen: Thünen-Institut für Waldökologie Eberswalde; Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung; Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover


Ist Genf wirklich ein jagdfreier Kanton und lassen sich die Verhältnisse auf Deutschland übertragen?

Jagdgegner behaupten immer wieder, dass Wildtiere in Genf durch eine “professionelle Umweltpolizei“ betreut werden – und dies sogar extrem preisgünstig. Es koste den Steuerzahler pro Jahr weniger als eine Tasse Kaffee und sei ein Modell für andere Regionen. Der DJV kritisiert diese in mehrerlei Hinsicht sachlich falsche Meldung. Das Schweizer “Betreuungsmodell” heißt nichts anderes, als dass die Jagd durch Berufsjäger ausgeübt wird. Im Kanton Genf erlegen etwa ein Dutzend Umwelthüter pro Jahr rund 500 Wildschweine, vornehmlich zur Vermeidung von Wildschäden. Für die überwiegend nächtlichen Jagdeinsätze kommen Infrarot-Fotofallen, Restlichtverstärker und andere technische Hilfsmittel zum Einsatz, die aus Tierschutzgründen zumindest fragwürdig und in Deutschland zum Teil sogar verboten sind.

Genf ist kein (Jagd-)Modell für Deutschland – allein schon wegen der Kosten für die staatlichen Regulierungseingriffe. Nach dem Kaffeetassen-Rechenmodell bezahlen die rund 450.000 Genfer Bürger jährlich etwa 1 Million Euro, damit 500 Wildschweine erlegt werden. Also 2000 Euro pro Wildschwein. Bezogen auf Deutschland wären das demnach 3,6 Milliarden Euro für die staatliche Wildschadens- und Seuchenprävention. Denn in Deutschland werden jährlich etwa 1,8 Millionen Wildschweine, Rehe und Hirsche erlegt.

Die Verhältnisse in Genf und Deutschland sind schlichtweg nicht vergleichbar: Genf ist ein urbaner Kanton mit knapp 1.700 Menschen pro Quadratkilometer (Deutschland: 226) und einer Fläche von knapp 290 Quadratkilometern – etwa ein Drittel so groß wie Berlin. Nur 1,5 Prozent des Kantons sind landwirtschaftliche Fläche (Deutschland: mehr als 50 Prozent, 186.500 Quadratkilometer) Die Genfer Waldfläche beträgt lediglich 30 Quadratkilometer, das sind 10 Prozent der Kantonfläche. In Deutschland beträgt die Waldfläche mit 108.000 Quadratkilometer über 30 Prozent.

Quellen: Initiative zur Abschaffung der Jagd; www.swisscommunity.org; www.statistik-portal.de; www.wikipedia.de


Wer ist eigentlich „der deutsche Jäger“?

Den deutschen Jäger gibt es nicht. Die Jägerschaft ist so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Eine DJV-Umfrage unter angehenden Prüflingen hat 2011 gezeigt, dass alle Berufsgruppen vertreten sind – vom Schüler über die Hausfrau, den Arzt bis zum Handwerker oder Büroangestellten. Jägerkurse sind im Preis ähnlich wie die Vorbereitungskurse auf den Führerschein: Rund 1.500 Euro haben die Umfrageteilnehmer im Schnitt bezahlt. Das Durchschnittsalter der Prüflinge lag bei 35 Jahren. Genannte Hauptmotive für die Jagd: Gern in der Natur sein, angewandten Naturschutz betreiben, Freude an der Jagd und Wildbretgenuss.

Quelle: www.jagdverband.de

Weitere Informationen zur Jagd in Deutschland gibt es auf der Internet-Seite www.jagd-fakten.de.