Mit dem Thema Wolf sachlich umgehen

Erste Wolfsschulung des LJVfand großen Zuspruch –Für Weiterbildung zum Riss-Gutachter anmelden

„Mit dem Thema Wolf sachlich und nicht emotional umgehen“ – dieses Ziel verfolgte die erste Schulung des LJV Hessen zu Biologie, Verhalten und rechtlichem Schutzstatus von Isegrim, an der im nordhessischen Naturzentrum Wildpark Knüll 38 Jägerinnen und Jäger teilnahmen. Die beiden ehrenamtlichen LJV-Wolfsbeauftragen Dr. Wolfgang Fröhlich (Leiter des Wildparks) und Dieter Sellemann (Wolfsexperte des Tierparks Sababurg) sparten in ihren ebenso informativen wie kurzweiligen Vorträgen auch die vielfältigen Konflikte nicht aus, die durch die Wiederansiedlung des Wolfs in Deutschland entstehen. Interessenten, die an einer weitergehenden Schulung zu regionalen Wolfsbeauftragten interessiert sind, können sich schriftlich in der Geschäftsstelle des Landesjagdverbandes Hessen melden (E-Mail: info@ljv-hessen.de, Telefon: 06032/9361-0).

„Wir Jäger müssen beim Thema Wolf Flagge zeigen“, betonte LJV-Vizepräsident Werner Wittich, der die Tagung eröffnete. „Die Jägerschaft steht für das Sammeln von Informationen über den Wolf bereit, falls Isegrim auch in Hessen auftaucht“. Der Landesjagdverband habe die Wolfsthematik schon in einem Gespräch mit Umweltministerin Hinz angesprochen und  Kontakt zum Artenschutzreferat des Ministeriums geknüpft.


Ausbildung zum Rissgutachter

Als nächsten Schritt  kündigte Wittich die Schulung von Interessenten zu Riss-Gutachtern durch das Servicezentrum für Forsteinrichtung und Naturschutz (FENA) des Landesbetriebs Hessen-Forst an. Sie lernen unter anderem, Risse von Wild- und Haustieren durch wildernde Hunde, Wölfe und Luchse zu unterscheiden sowie Spuren und Losung zu erkennen. Diese fachlich qualifizierten Wolfsbeauftragten sollen ein Netz über ganz Hessen bilden und bei Bedarf klären, welchem Prädator gerissene Tiere jeweils zum Opfer gefallen sind. Die Experten sollen später auch mit einem „Wolfskoffer“ mit Untersuchungsmaterial ausgestattet werden, um per DNA-Analyse von Speichelabstrich, Haaren und Losung eindeutige Wolfsnachweise erbringen zu können.

„Rotkäppchen hat früher nicht gelogen“, betonte Dieter Sellemann in seinem historischen Rückblick. Der Mensch habe durchaus zum Beutespektrum der Wölfe gezählt. So seien 1805 im Westen Deutschlands Soldaten gegen Wölfe eingesetzt worden, weil ein darauf spezialisiertes Wolfspaar zwölf Hütejungen getötet hatte. Eine ganz anders geartete Form der Landbewirtschaftung und die kaum vorhandene Infrastruktur begünstigten seinerzeit derartige Übergriffe.  

Heute stelle es vor allem ein Problem dar, wenn Wölfe von Menschen – ob absichtlich oder unabsichtlich – gefüttert werden. Wenn menschliche Witterung am Futter haftet, verlieren die „Grauhunde“ ihre Scheu vor den Zweibeinern – Übergriffe sind dann nicht ausgeschlossen. Derzeit tauchen vor allem in Niedersachsen im größeren Umfeld des Truppenübungsplatzes Munster, aber auch in Schleswig-Holstein vermehrt  Wölfe auf, die ohne Scheu durch Dörfer und Städte streifen und sich selbst am hellichten Tag beim Reißen von Schafen kaum vertreiben lassen.

 

Zur Biologie der Wölfe

Die Reproduktionsrate (Zuwachs) der Wölfe liegt jährlich bei circa 30 Prozent des Gesamtbestands. Eltern mit Jungen bilden ein bis zu zehnköpfiges Rudel, erläuterte Dr. Wolfgang Fröhlich. Wissenschaftlich umstritten sei, ob in Wolfsrudeln eine strikte Rangordnung existiert. Geschlechtsreif werden die Tiere mit 22 Monaten. Die Ranzzeit liegt im Februar/ März, die Tragzeit beträgt 63 Tage, ein Wurf umfasst vier bis sechs Welpen, die in einer Wurfhöhle  gewölft werden.

 Europäische Wölfe erreichen ein Gewicht von 30 bis 45 Kilogramm und mehr, ein Rudel beansprucht als Revier eine Fläche von 150 bis 350 Quadratkilometern, das durch Kot, Urin und das wolfstypische Heulen markiert wird. Das Beutespektrum reicht von der Maus bis zum Rothirsch (auch bis Elch und Bison), Rehwild bildet eine bevorzugte Beute, beim Schwarz- und Rotwild werden hauptsächlich Jungtiere gerissen. Die Großraubtiere verständigen sich durch Körperhaltung und Körpersprache, Laute und Mimik – ähnlich wie Hunde.

„Wölfe können sich an die Kulturlandschaft anpassen und lernen, ob von Menschen Gefahr ausgeht oder nicht“, erläuterte Fröhlich. „Wenn der Wolf nach Hessen kommt“, stelle sich die Frage: „Wo siedelt er sich an? Und wie verhält sich die Bevölkerung?“ Wichtig sei, dass neben der systematischen Erfassung des Bestands (Monitoring) auch das Verhalten der Wölfe beobachtet werde, etwa um zu klären: „Gibt es aus Gehegen geflohene oder ausgesetzte Wölfe?“

Dr. Fröhlich wies darauf hin, dass Wölfe in Deutschland streng geschützt sind, und zwar durch die Berner Konvention, die FFH-Richtlinie der EU, Bundesnaturschutz-Gesetz und Ländergesetze. Wichtig sei, dass es aus der Jägerschaft keine verbalen „Querschüsse“ in Richtung Wolf gäbe. Fröhlich: „Jede negative Publikation über das Verhalten von Jäger macht die jagdliche Öffentlichkeitsarbeit zunichte.“ Falls Wölfe unlösbare Probleme verursachten, könnten diese auch nach der derzeitigen Rechtslage der Wildbahn entnommen werden, merkte Vizepräsident Wittich an.

 

Klassifizierung  der Wolfsnachweise

„Als unsicherster Nachweis von Wölfen gilt die bloße Sichtung“, der sogenannte „C3-Nachweis“, berichtete Dieter Sellemann. Denn Wolf und wolfsähnliche Hunde sind schwer zu unterscheiden, zumal es Nachzüchtungen gibt und selbst Schäferhunde einem Wolf ähneln können. Falls  jedoch in einer hessischen Region mehrere Wolfsmeldungen vorkommen, sollten über den LJV Dieter Sellemann oder Wolfgang Fröhlich benachrichtigt werden, die dann mit Wildkameras zur Stelle sind. Der Wetzlarer (Jagd-)Optik-Hersteller Minox hat dem Landesjagdverband zehn hochwertige Wildkameras zur Überwachung des Wildwechsels auf Grünbrücken gesponsert, die auch für das Wolfsmonitoring eingesetzt werden können.

Das Foto eines Wolfs, das meist von einer Wildkamera geschossen wird, gilt nur als „C2-Nachweis“, weil auch hier hoch Verwechslungen mit einem Hund vorkommen könnten. Nur mit Hilfe eines Gen-Abgleichs lässt sich ein „C1—Nachweis“ erbringen, der tatsächlich sicherstellt, dass es sich um Isegrim handelt. 

Genuntersuchungen haben übrigens ergeben, so berichtete Sellemann, dass „40 Prozent der angeblichen Wolfsrisse auf das Konto von wildernden Hunden gehen.“ Diese Zahl sollte uneinsichtigen Politikern und Hundehaltern zu denken geben, die das Problem der wildernden Hunde ständig kleinreden oder gar ganz leugnen.

 

Wolfsspur und Riss-Merkmale

Am einzelnen Pfoten-Abdruck sind Wolf und Hund nicht sicher zu unterscheiden. Allerdings schnürt der Wolf wie ein Fuchs, deshalb muss man seine Spur über eine längere Strecke verfolgen. Der Pfotenabdruck eines ausgewachsenen Wolfs ist – ohne die gut sichtbaren Krallen – mindestens acht Zentimeter lang. Zwischen den Pfoten-Abdrücken beträgt der Abstand mindestens 50 Zentimeter. In der Wolfslosung, die einen ganz eigentümlichen Geruch aufweist, finden sich Zähne und Haare der gerissenen Tiere.

Der Wolf tötet seine Beute mit einem Kehlbiss, der oft äußerlich kaum sichtbar ist. Besser zu erkennen ist der Abdruck der Reißzähne, die einen Abstand von vier bis 4,5 Zentimeter aufweisen, wenn man das Fell des Beutetieres vom Rücken her zum Hals hin aufschärft und die Kehlpartie genauer inspiziert. „Bisse von wildernden Hunde finden sich meist an Hinterteil und Körper ihres Opfers“, erläuterte Sellemann.

Der Wolfsrüde, der sich von 2006 bis 2011 im Reinhardswald Wolf angesiedelt hatte, verschlang von gerissenen Schafen 12 bis 15 Kilo Fleisch pro Nacht. Typisch für Wölfe: Magen und Därme blieben liegen. „Eine DNA-Probe(Speichelabstrich)  muss sofort am frischen Riss genommen werden“, betonte der Referent. Bei einer späteren Probenahme sei keine DNA-Abklärung mehr möglich. Außerdem könnten „Zweitverwerter“ wie Füchse oder Hunde das Ergebnis verfälschen.

 

Begegnungen zwischen Wolf und Mensch

„Normalerweise ist der Wolf ein Fluchttier“, sagte Sellemann. Wittern oder vernehmen sie einen Menschen, treten sie wie anderes Wild üblicherweise den Rückzug an. Warum jedoch die Wölfe – wie in Niedersachsen – ihre Scheu vor dem Menschen zunehmend verlieren, sei „von Hessen aus nicht abschließend zu beurteilen“.

In der öffentlichen Experten-Diskussion spielt die Fütterung durch den Menschen eine Rolle. Ferner kann der Wolf nach Ansicht von Beobachtern lernen, dass ihm als streng geschützte Art keinerlei Gefahr durch den Menschen droht.  Derzeit teste das Großraubtier quasi aus, wie weit es beim Aufeinandertreffen mit Menschen gehen könne.

„Wenn der Wolf wieder nach Hessen kommt, wird es Konflikte geben – etwa mit Tierhaltern“, prognostizierte Dieter Sellemann. Die Bevölkerung müsse darauf vorbereitet sein. „Deshalb ist ein Ablaufplan wichtig“, unterstrich der Referent. „Die Leute müssen wissen: Wo ist die erste Anlaufstelle, der ich Wolfssichtungen und –risse melde?“ Außerdem müsse der Austausch von Fakten zwischen den Wolfsbeauftragten gesichert sein und eine zentrale Instanz die Wolfsmeldungen auswerten sowie Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

 

Managementplan „Große Beutegreifer“

Naturzentrum-Leiter Wolfgang Fröhlich regte an, grundsätzlich für Hessen einen Managementplan „Große Beutegreifer“ zu erstellen, der Wolf und Luchs umfasst. Die Wolfsbeauftragten der hessischen Landkreise sollten auch Luchsrisse beurteilen können und ihre Meldungen an LJV und FENA übermitteln.

LJV-Naturschutzreferent Rolf W. Becker kündigte an, dass sich die Teilnehmer dieser Tagung beim Landesjagdverband für die weiterführende Riss-Schulung durch die FENA anmelden können.  Das hessische Umweltministerium strebe an, ein übergreifendes Bündnis „Wolf Hessen“ zu etablieren. Becker hatte die erste Schulung des LJV zum Thema Wolf organisiert.

Derzeit leben in Deutschland unterschiedlichen Schätzungen zufolge 300 bis 400 Wölfe mit Schwerpunkt in den östlichen Bundesländern sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.  In Hessen hatte sich von 2006 bis 2011 im Reinhardswald ein Wolfsrüde angesiedelt, der eines natürlichen Todes starb. Im Januar 2011 wurde bei Gießen ein angefahrener Wolf gesichtet. Im März 2015 wurde eine Wolfsfähe bei Bad Soden-Salmünster auf der Autobahn getötet, und am 21. April dieses Jahres fiel ein Wolf mitten im Rhein-Main-Ballungsgebiet an der Autobahn-Anschlussstelle Frankfurt-Eckenheim einem Auto zum Opfer. Dies sei schon „sehr ungewöhnlich“, sagte dazu ein Polizeisprecher.

 

Dr. Klaus Röther