Bei Waldbesitzern wegen FSC „Dampf im Kessel“

Scharfe Kritik an neuer Waldzertifizierung / Falsche Weichenstellung und Bevormundung befürchtet

„Hier ist Dampf im Kessel“, stellte Christian Raupach, geschäftsführender Direktor des hessischen Waldbesitzerverbandes, zum Thema „Zertifizierung staatlicher Wälder durch FSC“ unlängst auf der Hauptversammlung der Vogelsberger Kreisgruppe in Grebenhain-Bermuthshain fest. Dies berichtete das osthessische Internet-Nachrichtenportal „Osthessen-News“ am 18. April 2015.

Der 1993 von internationalen Umweltverbänden aus der Taufe gehobene Forest Stewardship Council (FSC) und dessen deutsche Zertifizierungskriterien sind nicht nur bei privaten Waldbesitzern umstritten. Die Kritiker sehen darin eine Entmündigung und Bevormundung der Forstfachleute und Waldbesitzer durch Naturschutzverbände, die Aushöhlung des Eigentumsrechts und einen weitgehenden Verzicht auf (Nadelholz)-Baumarten wie die Douglasie, die dem Klimawandel trotzen könnten. Zudem befürchten sie wirtschaftliche Verluste und sehen die Gefahr, dass FSC auch dem Privatwald übergestülpt werden könnte.  

 

Urzustand des Waldes als Endziel

Als „Endziel“ propagiert FSC zumindest in Deutschland quasi die Rückkehr in einen „Urzustand“ des Waldes: Angestrebt wird eine „Waldgesellschaft, die sich auf Grund einer natürlichen nacheiszeitlichen Entwicklung ohne menschliche Einflussnahme allein unter dem Einfluss des lokalen Klimas, des Bodens und der Geländeform zum heutigen Zeitpunkt eingestellt hätte“. In Hessen favorisiert FSC demgemäß die Buche, die hier schon über 40 Prozent der Waldfläche bestockt. Und die Koalitionsvereinbarung von CDU und Grünen schreibt eine schrittweise Zertifizierung des hessischen Staatsforstes nach den Kriterien des „FSC Deutschland“ fest. Derzeit sind schon zehn der 41 Forstämter von Hessen-Forst FSC-zertifiziert.

In der Generalversammlung des Hessischen Waldbesitzerverbandes hatte allerdings noch am 23. August 2013 in Lich – einen Monat vor der Landtagswahl – ein Vertreter der CDU-Landtagsfraktion laut Bericht des Verbandes verkündet: „Eine Zertifizierung nach FSC werde die CDU nicht mitmachen, weil diese Zertifizierung viele betriebswirtschaftliche Nachteile habe.“ Und weiter hieß es damals von Seiten der CDU: „Zur Umsetzung der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung reichen die bislang im hessischen Staatswald stillgelegten 6 Prozent der Waldfläche aus.“

 

„Privatwald fest im Blick“

Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) kündigte jedoch laut einem Bericht, der am 24. April 2015 auf der Homepage von „FSC Deutschland“ veröffentlicht wurde, am 7. April im Forstamt Hanau-Wolfgang an, dass „die restlichen Forstämter in zwei weiteren Tranchen zügig folgen“ sollen. Auf der FSC-Internetseite heißt es wörtlich weiter: „Auch den Privat- und Kommunalwald hat Ministerin Hinz beim Thema FSC fest im Blick. Hinz kündigte an sich darüber Gedanken zu machen, wie die Landesregierung mit besonderen Angeboten bei der Beförsterung durch Hessen-Forst sowie Förderanreizen die FSC-Zertifizierung für alle Waldbesitzer in Hessen leicht zugänglich und noch attraktiver machen kann.“ Offenbar sollen private Waldbesitzer dadurch für FSC geködert werden, dass sie niedrigere Beförsterungsbeiträge zahlen, wenn sie sich freiwillig den Öko-Standards unterwerfen. Welche ökologischen und wirtschaftlichen Folgen FSC hat, wird nicht mehr ernsthaft geprüft.

 

Weniger Nadelholz mehr Stilllegung

Die deutschen FSC-Waldstandards fordern unter anderem:

● Maximal 20 Prozent „standortfremder“ Nadelholz- Baumarten wie Douglasie und Fichte.

● Keine Bewirtschaftung von fünf Prozent der Forstbetriebsfläche als ökologischer Referenzfläche.

● Den generellen Verzicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln –etwa bei massivem Borkenkäferkalamitäten, Mäusefraß an jungen Kulturen oder zur Bekämpfung des Rüsselkäfers und Kiefernspinners, – es sei denn, deren Einsatz würde auf bürokratischem Wege behördlich angeordnet.

● Erhalt von zehn (statt bisher drei) Biotopbäumen pro Hektar.

● In „Naturschutzgebieten und Schutzzonen sollen Überjagung und Überfischung sowie Sammeln und Fallenstellen verhindert“ werden.

● Die Wildbestände werden so reguliert, dass die Verjüngung der Baumarten natürlicher Waldgesellschaften ohne Hilfsmittel möglich wird.

● Im Rahmen von Gesellschaftsjagden sorgt der Waldbesitzer spätestens innerhalb von drei Jahren dafür, dass die Jagdgäste Munition, die den Eintrag von Schadstoffen in die Umwelt minimiert, die Gesundheitsgefahren über den Wildbretverzehr vermeidet und den höchsten Tierschutz- und Sicherheitsstandards genügt, verwenden. Ein Nachweis kann z.B. durch die Vorlage von entsprechenden Rechnungen erbracht werden.

● Wird die Jagd verpachtet ist bei der nächsten Pacht die Verwendung entsprechender Munition fest zu schreiben. Ist der Forstbetrieb Mitglied einer Gemeinschaftsjagd wirkt er auf die Verwendung entsprechender Munition in den jeweiligen Gremien hin.

● Wird das Wild als FSC-zertifiziert vermarktet, muss es mit „bleifreier Munition“ erlegt werden.

 

FSC erlaubt in Asien sogar Kahlschläge

Ministerin Priska Hinz rechtfertigte die zwangsweise Beglückung der Forstwirtschaft mit FSC in Zeitungsberichten damit, dass das FSC-Siegel eine „nachhaltige Waldwirtschaft“ sicherstelle. Der Wald werde „ökologischer, stabiler und risikoärmer“.

 

Allerdings gelten nicht nur in Amerika und Asien, wo sogar Kahlschlagbetrieb und Forstplantagen nach FSC zertifiziert werden, sondern auch in europäischen Staaten wie Polen und im Baltikum weitaus niedrigere FSC-Anforderungen. Dies allein bildet schon eine gravierende Wettbewerbsverzerrung, sieht man doch Produkten mit dem FSC-Zertifikat nicht an, woher das Holz stammt.

Vernichtende Kritik übten Vertreter der hessischen Forstwirtschaft, der Waldbesitzer, des Landesverbands Hessen der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) und der Holzbranche schon 2009 an FSC. Damals prüfte eine Arbeitsgruppe eingehend, ob das Land Hessen im Zuge seiner Nachhaltigkeitsstrategie den Staatswald nach FSC-Standards bewirtschaften solle.

 

Vernichtende Kritik durch Fachleute

Eine Auswahl der Hauptkritikpunkte, die in der Zusammenstellung der Beiträge der Projektgruppe vom 21. April 2009 sowie und in einer SDW-Pressemitteilung vom 15. Mai 2009 detailliert aufgelistet sind:

● FSC berücksichtigt in keiner Weise den Klimawandel (Temperaturanstieg), der künftig eine andere Zusammensetzung der Baumarten (etwa mit Douglasie, Robinie etc.) erfordert.

● Der angestrebte Nadelholzanteil ist viel zu gering; Nadelhölzer sind für bestimmte Zwecke wirtschaftliche Zwecke (Hausbau, Möbel, Zellstoff- und Papier) unverzichtbar.

● Durch Flächenstilllegung und Verzicht auf den Einschlag von 332.000 Erntefestmetern entgehen dem Land Einnahmen von 10,9 Millionen Euro. Zugleich werden über 190.000 Tonnen CO2 pro Jahr nicht gebunden.

● Im Bereich „Forst und Holz“ gehen 480 Arbeitsplätze mit einer Bruttowertschöpfung von 28,8 Millionen Euro pro Jahr verloren.

● Den negativen volkswirtschaftlichen Effekt bezifferte Hessen-Forst insgesamt mit 43,2 Millionen Euro pro Jahr.

● Bei strenger Einhaltung der FSC-Kriterien müssten in Hessen fast 11.500 Hektar Staatswaldfläche zusätzlich stillgelegt werden, obwohl schon 6,2 Prozent der Staatswaldfläche (insgesamt 342.000Hektar) nicht mehr forstlich genutzt werden.

● Der hessische Staatswald ist bereits nach den PEFC-Standards zertifiziert. Eine Doppelzertifizierung verursacht unnötige Unkosten und ist überflüssig.

Auch der Einsatz von Holz in Biomasse-Heizkraftwerken ist gefährdet, denn Holzhackschnitzel werden zu einem großen Teil aus sogenanntem Derbholz produziert. Äste bis zu einer Stärke von sieben Zentimetern müssen jedoch nach den FSC-Richtlinien im Wald verbleiben und dürfen nicht genutzt werden.

 

„FSC-Zertifizierung bringt keine Mehrwert“, resümierte denn auch der hessische Waldbesitzerverband am 8. April 2015 auf seiner Homepage.

 

Waldbesitzer bei Stimmrecht entmündigt

Viel weniger als von den Waldstandards ist allerdings bei Grünen und Öko-Verbänden in der Öffentlichkeit vom Drei-Kammer-System des FSC die Rede, das den Öko-Einfluss auf die Waldbewirtschaftung zementiert. Aus gutem Grund. Denn diese Kammern für Wirtschaft, Umwelt und Soziales setzen gemeinsam die nationalen FSC-Richtlinien fest und überprüfen diese alle fünf Jahre. Dabei können die Umweltverbände, die ja dieses System selbst gegründet haben, nicht überstimmt werden. Dies kann freilich den privaten Waldbesitzern widerfahren, sind doch in der Wirtschaftskammer die FSC-Zertifizierer mit vierfacher Gewichtung vertreten.

Die Privatwaldbesitzer, Eigentümer von rund 46 Prozent der deutschen Waldfläche, erhalten in einer der drei Kammern laut Internet-Enzyklopädie Wikipedia 1/52 des Stimmrechts. Der gesamte Waldbesitz Deutschlands verfügt demnach über 12/52 Stimmen in einer der Kammern.

Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt? Wohl kaum. Grüne und Naturschutzverbände verfolgen Schulter an Schulter ein gemeinsames Ziel: Nach der Energiewende sollen nun die Wald-, Jagd-und Agrarwende ihren direkten Einfluss auf die Nutzung von Grund und Boden sichern. Öko-Diktat statt Naturschutz-Konsens lautet die Devise. Nur der entschiedene, gemeinsame Widerstand aller Nutzerverbände kann diesen Generalangriff auf ihr Eigentum und ihre verfassungsmäßigen Rechte noch stoppen.

Dr. Klaus Röther