Neue Richtwerte für Wildschadenersatz 2015/16

Einsparbare Kosten und Schadensminderung berücksichtigen

Aufwuchsschäden an landwirtschaftlichen Kulturen entstehen regelmäßig durch schadensersatzpflichtige Wildtiere aber auch durch Wege-, Leitungs- und Straßenbau sowie sonstige Haftpflichtfälle. Für die Bewertung dieser Schäden liefern aktuelle Richtwerte die Grundlage und ermöglichen eine zügige Einigung über den Ausgleich. Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger beim Regierungspräsidium Kassel, stellt die neuen Werte vor und gibt einige Hinweise, worauf bei der Schadensermittlung geachtet werden sollte.

 

Wenn beispielsweise Wildschweinrotten sich im Mais, Getreide bzw. Raps niederlassen oder das Grünland umpflügen, entstehen erhebliche Schäden, die es möglichst einvernehmlich zu regulieren gilt. In den Richtwerttabellen kann für die verschiedenen Kulturen der Schadenersatz pro Quadratmeter für den Totalausfall problemlos abgelesen werden. Gesamtschadensfläche, Schadensgrad und vor allem den Ertrag, der auf der Fläche gewachsen wäre, wenn es keinen Wildschaden gegeben hätte, müssen jedoch die Beteiligten oder der beauftragte Gutachter selbst feststellen.  

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Richtwerttabelle 2015
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Einsparbare Kosten

Insbesondere bei der Kalkulation von größeren Schäden, sind einsparbare Kosten abzuziehen. Wenn Flächen oder Flächenteile total geschädigt sind und ihr Zuschnitt so ist, dass der Erntevorgang auf diesen Flächen höhere Kosten verursacht, als Ertrag zu generieren wäre, ist von einer Ernte abzusehen. Die dadurch eingesparten Kosten, auch unter Einbeziehung möglicher zusätzlich entstehender Aufräumungskosten, sind bei der Schadenskalkulation zu berücksichtigen.

 

Schadensersatzpflichtige Kulturen unterliegen unterschiedlich langen Produktionsprozessen. Die Zeitdauer erstreckt sich beispielsweise von fünf Monaten bei der Sommergerste bis max. zwölf Monate beim Winterraps. Die Produktionsprozesse auf den landwirtschaftlichen Flächen beginnen mit den vorbereitenden Arbeiten zur Aussaat und enden mit der Ernte, beziehungsweise mit der Einlagerung oder dem Verkauf der Ernteprodukte. Wird der Aufwuchs in dieser Zeit von Dritten geschädigt, so ist für den daraus resultierenden Ernteverlust Schadenersatz zu leisten. Je nach Eintritt des Schadensereignisses sind einsparbare Kosten für beispielsweise nicht mehr durchgeführte Pflege-, Pflanzenschutz-, Dünge- oder Erntearbeiten zu kalkulieren.

 

Produktionsverfahren Winterweizen 85 dt

(Pflug und Saatbettkombination, KTBL 2014 und eigene Berechnungen)

 

Teilarbeitsgänge Schlepper 67 kW,
2 ha Schlag

Zeit

Maschinen-kosten in €/ha

Produkt-ionsmittel in €/ha

AKh pro ha

Arbeits-kosten je ha

Kosten pro Teilarbeits-gang in €/ha

 

Grunddüngung

Sept.

4,92

80,00

0,30

4,80

89,72

 

Pflügen, 4 Schare

Sept.

69,47

 

1,89

30,24

99,71

 

Saatbettbereitung

Okt.

23,31

 

0,58

9,28

32,59

 

Aussaat 180 kg/ha

Okt.

23,29

76,00

0,81

12,96

112,25

 

Pflanzenschutz

Okt.

10,90

60,00

0,44

7,04

77,94

 

N-Düngung

Febr.

6,61

90,00

0,24

3,84

100,45

 

N-Düngung

April

4,29

80,00

0,24

3,84

88,13

 

Pflanzenschutz

So.

17,62

100,00

0,56

8,96

126,58

 

Mähdrusch

Juli

150,00

 

 Lohndrusch

150,00

 

Körnertransport

Juli

10,69

 

0,31

4,96

15,65

 

Lagern + Trocknen

Juli

97,15

 

0,98

15,68

112,83

 

Kalk ab Feld 1/3

Juli

7,11

 

0,15

2,40

9,51

 

Stoppelbearbeitung

Aug.

27,36

 

0,85

13,60

40,96

 

Summe

 

452,72

486,00

7,35

117,60

1056,32

 

 

Die Tabelle „Produktionsverfahren Winterweizen 85 dt“ zeigt beispielhaft die Kosten für die Teilarbeitsgänge. Würde ein Winterweizenschlag von einem ha und einem Ertragspotential von 85 dt/ha in der Teigreife durch ein Schadenereignis total geschädigt, so wären bei der Schadenersatzkalkulation die Kosten für die entfallene Ernte als „einsparbare Kosten“ zu berücksichtigen. Eine Beispielrechnung würde wie folgt aussehen:

 

Die Marktleistung von 1 ha Brotweizen in der Ertragsstufe V beläuft sich, laut beigefügter „Richtwerttabelle Marktfrüchte“ auf 1.717 €. Davon wären die einsparbaren Kosten, der nicht mehr durchgeführten Teilarbeiten Lohndruschernte und Körnertransport, mit einer Summe von 165,65 € abzuziehen. Ein möglicher zusätzlicher Arbeitsgang für die Beseitigung der Erntereste von beispielsweise einmal Mulchen, könnte bei dieser Vorgehensweise mit Kosten von 36 €/ha auch wieder hinzu gerechnet werden. Für einen Totalschaden auf einem ha Winterweizen (Brotweizen) mit einem Ertragspotential von 85 dt wäre somit ein Schadenersatz von 1.587,35 € (1.717 € - 165,65 € + 36 €) fällig.

 

Schadensminderung

Entstehen Totalschäden an landwirtschaftlichen Kulturen schon zu Beginn der Vegetationsperiode, ist es oft erforderlich, zur Schadensminderung eine Ersatzfrucht anzubauen. So könnte beispielsweise Ende März festgestellt werden, dass ein Rapsschlag vom Rot- und/oder Rehwild so abgeäst wurde, dass wegen der starken Schädigung der Vegetationskegel der Rapspflanzen, kein erntewürdiger Ertrag mehr zu erwarten ist. Zwecks Schadensminderung ist der Landwirt in einem solchen Fall, gemäß Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) § 254 Mitverschulden verpflichtet, eine Ersatzkultur anzubauen. Würde sich der Landwirt für Sommerweizen als Ersatzfrucht entscheiden, wäre die Schadenersatzberechnung wie folgt vorzunehmen.

 

Zunächst werden die zusätzlichen Kosten für die Sommerweizenaussaat berechnet. Folgende Teilarbeitsgänge aus dem Produktionsverfahren „Sommerweizen, 65 dt“  sind zu kalkulieren: Pflügen, Saatbettbereitung, Aussaat und Pflanzenschutz. Die Kosten für diese vier Teilarbeitsgänge belaufen sich inklusive Produktionsmittel auf 310 €/ha. Der nächste Schritt ist die Berechnung der Marktwertdifferenz zwischen Raps und Sommerweizen. Für Raps wird der erwartete Ertrag von 40 dt/ha angenommen. Daraus ergibt sich für das Jahr 2015 eine Marktleistung laut Richtwerttabelle von 1.580 €/ha.

Für Sommerweizen wird der in der Ernte geschätzte Ertrag von 65 dt/ha angenommen und als Brotweizen eingestuft. Dafür ergibt sich eine Marktleistung laut Richtwerttabelle von 1.313 €/ha. Der Schadenersatz für den Aufwuchsschaden beläuft sich in diesem Fall auf  577 €/ha (310 €/ha Aussaatkosten plus 267 €/ha Marktwertdifferenz).

 

Mitverschulden

Der Anbau einer Ersatzfrucht im Rahmen des § 254 BGB, Mitverschulden/Schadensminderung ist für den Landwirt noch eine relativ nachvollziehbare Maßnahme. Dagegen ist die Motivation aktive Mithilfe zur Wildschadensverhütung sehr unterschiedlich ausgeprägt. Insbesondere die Schaffung von Freiflächen für die Erstellung von Zäunen, freihalten von Bejagungsstreifen innerhalb großer Bestände oder an der Feld-/Waldgrenze, die Duldung von Jagdeinrichtungen oder die Einhaltung einer ordnungsgemäßen Landbewirtschaftung führen oft zu heftigen Diskussionen. Wenn keine Zahlungen für etwaige Ernteausfälle oder Schlepperstunden vom Jagdpächter geleistet werden, wird die Mithilfe mit dem Hinweis abgelehnt, es gebe keine gesetzliche Pflicht des Landwirts für derartige Mithilfen. Studiert man die Gerichtsurteile der letzten Jahre stellt man fest, dass dem Aspekt des Mitverschuldens zunehmend mehr Raum gegeben wird. Sehr deutlich wird dies in einem Aufsatz von Richter Dr. Hennig Wetzel aus Berlin, der erläutert, in welchen Fällen Landwirte ein Mitverschulden tragen, das den Wildschadenersatz erheblich kürzen kann. Der BGH unterstreicht dies mit der Formulierung: „Der § 254 BGB beruht auf dem Rechtsgedanken, dass derjenige, der die Sorgfalt außeracht lässt, die nach Lage der Sache erforderlich erscheint, um sich selbst vor Schaden zu bewahren, den Verlust oder die Kürzung seiner Schadensansprüche hinnehmen muss.“

 

Einer gerichtlichen Auseinandersetzung soll hier aber nicht das Wort geredet werden, sondern vielmehr für ein gutes Miteinander zwischen Jagdpächtern und Landwirten geworben werden. Zumal in rund 85 Prozent der Jagdreviere ein gutes Miteinander praktiziert wird. Dort wo es noch nicht so funktioniert, liegt die Lösung des Problems einerseits in der Verpachtung an einen engagierten Jagdpächter und andererseits aber auch bei engagierten Landwirten, die bei der Wildschadensverhütung mehr tun, als gesetzlich unbedingt notwendig ist.

 

Die aktuellen Richtwerte sowie weitere Informationen zur Landwirtschaft und zur Aufwuchsschadensregulierung finden sie jederzeit unter www.lissmann.eu.

 Dr. Günther Lißmann