Frühzeitiger Kälberabschuss

Ein Mittel zur Ordnung der Wildbahn am Beispiel des Rotwildgebietes Spessart

von

Paul-Joachim Hopp und Michael Gerst

Teil I: von Paul-Joachim Hopp, langjähriger Sachkundiger für das Rotwildgebiet Spessart / Befunde und Wegweisungen

Das Rotwildgebiet Spessart, das im hessischen Teil dieses Mittelgebirges liegt, umfasst eine bejagbare Fläche von rund 44250 ha, davon entfallen etwa 52 % der Fläche als Regiejagden und verpachtete staatliche Eigenjagdbezirke auf das Land Hessen, während 48 % der Gesamtfläche von gemeinschaftlichen Jagdbezirken sowie von verpachteten privaten und kommunalen Eigenjagdbezirken eingenommen werden.

In den letzten Jagdjahren hielt man im RG Spessart einen jährlichen Gesamtabschuss von 650 bis 750 Stück Rotwild für angemessen. Das dürfte sich aber nach dem hohen Gesamtabschuss an Rotwild im Jagdjahr 2015 von 791 Stück ändern.
Mitentscheidend für die greifende Reduzierung eines überhöhten Rotwild-
bestandes ist der Anteil von Zuwachsträgern, also von Alt- und Schmaltieren am ausscheidenden Bestand. Der Zuwachs muss abgesenkt werden.

Wer Rotwildpopulationen an die Tragfähigkeit des Lebensraumes anzupassen hat, muss vor allem weibliches Wild bejagen. Aus diesem Grund sollte in der jährlichen Gesamtabschussplanung für ein Rotwildgebiet das Abschuss-Soll für das weibliche Wild stets das Abschuss-Soll für das männliche Wild übertreffen.

Es ist zu prüfen, ob im RG Spessart beim weiblichen Rotwild der jährliche Streckenanteil vorübergehend (etwa 2 bis 3 Jagdjahre) von 55 % auf 60 % angehoben werden soll. Die Erhöhung des weiblichen Streckenanteiles ist allerdings nur über eine Aufstockung des Anteiles der Schmaltiere zu erreichen und muss wegen der Gefahr der „Vergreisung“ als problematisch angesehen werden. Eine zeitliche Begrenzung der erwogenen Maßnahme ist daher unerlässlich.

Beispiel eines situationsgerechten Abschussplanes für das Rotwildgebiet Spessart

Weibliches Wild                      Erstrebter                                               Männliches Wild                                     Erstrebter

Streckenanteil                        Streckenanteil der                  Streckenanteil                                        Streckenanteil

55 % (60 %)                           natürlichen Alters-                 45 % (40 %)                                          der natürlichen Alters-

                                               Klassen in %                                                                                         klassen in %

Wildkälber                                          40                                Hirschkälber                                                       40

Schmaltiere                                       20                                Junge Hirsche                                                    45
                                                                                              (1-4j.)

Alttiere                                               40                                Mittelalte Hirsche                                                (5)
                                                                                              (5-9j.)

                                                                                              Alte Hirsche                                                       10
                                                                                              (10j. und älter)

Der Bejagung des weiblichen Wildes, vor allem der Zuwachsträger
(Schmaltiere und Alttiere), kommt also besondere Bedeutung zu, wenn das ständige Anwachsen einer Population vermieden werden soll. Deshalb sind Schmaltiere und Alttiere scharf zu bejagen.
Bei den Schmaltieren sollte aber - wie aufgezeigt - eine Soll-Überschreitung tunlichst gering gehalten werden, um der Gefahr einer Vergreisung der Population vorzubeugen.

Im Rotwildgebiet Spessart werden seit dem Jagdjahr 2007 wieder hohe Rotwildstrecken erzielt. Die Jahresstrecken lagen im Zeitabschnitt der Jagdjahre 2007 – 2015 fast alle deutlich über 500 Stück Rotwild. Lediglich in den Jagdjahren 2007 und 2009 wurde die „Marke 500 Stück“ mit 494 bzw. 507 knapp verfehlt oder geringfügig überschritten. Die vier letzten Jahresabschlüsse weisen Strecken mit 705, 668, 712 und 791 Stück Rotwild auf. Trotz der stückzahlmäßig beachtlichen Resultate befriedigen diese Ergebnisse nicht, denn die Wildschäden in Wald und Feld durch Rotwild sind nach wie vor hoch.

Während nach Langer (2011 / mit fortgeschriebener Tabelle 12) in den Jagdjahren 2007 bis 2014 im hessischen Spessart 1526 Alt- und Schmaltiere zur Strecke kamen und im gleichen Zeitraum 2023 Wild- und Hirschkälber der Wildbahn entnommen wurden, betrugen nach Rützel (Untere Jagdbehörde beim Landrat des Main-Kinzig-Kreises) die entsprechenden Daten im Jagdjahr 2015  240 Alt- und Schmaltiere sowie 377 Kälber.

Eine Schmälerung der Zuwachsbasis erfolgte dadurch aber nicht. Selbst eine Angleichung der Strecke der Zuwachsträger an die Strecke der Kälber unterblieb. Die Differenz der Entnahme von Alt- und Schmaltieren gegenüber der Kälberstrecke für den Zeitraum der Jagdjahre 2007 – 2014 beziffert sich auf 497 Kälber (2023 AT + ST – 1526 K = 497 St.). Die Zuwachsbasis hat sich dementsprechend erweitert. Sie vergrößerte sich auch noch im stückzahlmäßig so erfolgreichen Jagdjahr 2015, hier stehen 377 gestreckten Kälbern (205 WK + 172 HK) nur 240 Zuwachsträger (99 ST und 141 AT) gegenüber.

Wer eine Rotwildpopulation auf Grund der vorstehenden Aussagen deutlich verringern muss, hat daher den Bestand an Alt- und Schmaltieren durch eine intensive Bejagung abzusenken. Das ist aber ein schwieriges Unterfangen, weil bei der Jagdausübung auf Alttiere besondere jagdrechtliche Bestimmungen und ethische Bedenken zu beachten sind.

Nach § 22 Abs. 4 Satz 1 BJG dürfen die für die Aufzucht von Jungtieren notwendigen Elterntiere nicht bejagt werden. Beim Rotwild besteht aber eine Führungsabhängigkeit der Kälber von ihren Mutterstücken durchweg für das ganze erste Lebensjahr. Mithin ist eine erfolgreiche Jagdausübung auf Alttiere nur eingeschränkt möglich, denn nicht führende Tiere sind in der Wildbahn relativ wenig vertreten und oft nur schwer anzusprechen.

Wird dennoch ein führendes Tier erlegt, liegt ein Verstoß gegen die vorstehende Bestimmung vor, bei der es sich gemäß § 38 Abs. 1 Ziffer 3 BJG um eine Straftat handelt, die nach § 38 Abs. 2 BJG bei Fahrlässigkeit mit einer Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder einer Geldstrafe bis zu einhundertachtzig Tagessätzen geahndet werden kann. Neben der Strafe ist unter bestimmten Voraussetzungen auch die Einziehung von Gegenständen (§ 40 BJG) und die Entziehung des Jagdscheines (§ 41 BJG) möglich.

Der vorstehende Sachverhalt macht es plausibel, dass sowohl Jagdausübungsberechtigte als auch ihre Mitjäger oder Jagdgäste die im RG Spessart gemäß der Richtlinien gebotene Möglichkeit nutzen, an Stelle eines freigegebenen Alttieres ein Stück Kahlwild einer anderen natürlichen Altersklasse zu erlegen. Auf Ziffer 6.2.2.6 der Richtlinien für die Hege und Bejagung des Rotwildes im Rotwildgebiet Spessart wird verwiesen. Diese Beweglichkeit bewirkte im Übrigen wesentlich die hohen Abschüsse in den letzten Jagdjahren. Sie darf aber nicht stetig und krass zur Überziehung der festgesetzten Kälberabschüsse führen. Es ist wildbiologisch falsch, wenn Jagdleiter auf großen Bewegungsjagden beim Kahlwild fast nur Kälber (Wild- und Hirschkälber) zum Abschuss freigeben, um Fehlabschüsse bei Alttieren und damit verbundenen Ärger zu vermeiden.

Es wird empfohlen, zu fordern, dass in allen Jagdbezirken mit einem festgesetzten Abschuss von 10 Stück Rotwild aufwärts 40 % des festgesetzten Kälberabschusses (Summe der Wild- und Hirschkälber) in der Zeit vom 1. August bis zum 15. September eines jeden Jagdjahres zu erlegen sind. Das Erfüllungsprozent für den festgesetzten jährlichen Abschuss an Alttieren soll dadurch am Ende der Jagdzeit mindestens 90 % des Abschuss-Solls dieser natürlichen Altersklasse erreichen.

Statt eines freigegebenen Wildkalbes kann auch ein Hirschkalb erlegt werden und statt der Erlegung eines Hirschkalbes ist auch der Abschuss eines Wildkalbes gestattet. Auf die Richtlinien für die Hege und Bejagung des Rotwildes im Rotwildgebiet Spessart wird Bezug genommen.

Der frühzeitige Kälberabschuss verletzt keine gesetzlichen Bestimmungen, denn die Gestaltung des durch die Untere Jagdbehörde festgesetzten Abschusses ist im Rahmen der gesetzlichen Regelungen und der verbindlichen Richtlinien für die Hege und Bejagung des Rotwildes im Rotwildgebiet Spessart frei gestaltbar und ausschließlich Angelegenheit der Jagdausübungsberechtigten.

Denkbar ist aber auch die Einführung einer dahingehenden gesetzlichen Regelung, nach der die zuständige Untere Jagdbehörde im Zuge der Abschussplanfestsetzung den frühzeitigen Kälberabschuss anordnen kann.

Einwendungen gegen den frühzeitigen Kälberabschuss sind zu erwarten, sie dürften m.E. aber keinen Erfolg haben, denn nur er gewährt gesetzeskonform starke Eingriffe in die Altersklasse der Alttiere. Dadurch wird beim Rotwild die
Zuwachsbasis eingeengt, so dass im Wald die gemäß § 21 Satz 2 HJagdG gebotene Vermeidung übermäßiger Verbiss- und Schälschäden eintritt. Auch die Wildschäden durch Rotwild in der Landwirtschaft können so verringert werden.

Schließlich wird vermerkt, dass im Osten und Südosten Europas die Rotwildkälber den wesentlichen Bestandteil des Beutespektrums der Wölfe bilden. Die Jäger werden mit dem frühzeitigen Kälberabschuss nur das betreiben, was die Wölfe in bestimmten europäischen Lebensräumen des Rotwildes bereits alltäglich vollziehen.

Es ist noch zu berichten, dass der bekannte Wildbiologe Professor Dr. Christoph Stubbe, Sandkrug, in einem unveröffentlichten Gutachten zur „Entwicklung der Rotwildpopulation in der Hegegemeinschaft „Schuenhagen-Franzburg“ (Mecklenburg-Vorpommern) aus dem Jahr 2015 vermerkt hat, dass „die zu geringe Zahl erlegter Alttiere als Hauptursache für den Populationsanstieg anzusehen ist“. Am Schluss stellt Stubbe zusammenfassend fest, dass der gegenwärtige Rotwildbestand in der Hegegemeinschaft Schuenhagen-Franzburg um die 700 Stück Rotwild beträgt, also etwa das Doppelte des Zielbestandes. Er empfiehlt daher dringend, „einen zeitlich begrenzten Maßnahmenplan zu erstellen, der realisierbar ist und als Basis eine drastische Reduzierung von Zuwachsträgern vorsieht“. Gewiss, andere Verhältnisse als im Spessart, aber dieselben Probleme wie dort: Zu viel Rotwild mit zu vielen Zuwachsträgern!“

Erwähnt wird, dass der Landesbetrieb HessenForst auch im laufenden Jagdjahr zusätzlich zum frühzeitigen Kälberabschuss mit Mehrheitsbeschluss der zuständigen Rotwildhegegemeinschaft für das Rotwildgebiet Spessart (RRS) die sogenannte

„Maijagd“ auf Schmalspießer und Schmaltiere durchgeführt hat. Außerdem hat der Landesbetrieb HessenForst für die landeseigenen Jagdbezirke im Rotwildgebiet Spessart in einzelnen Betriebsteilen gemäß § 27 Abs. 1 BJG die Aufhebung der Schonzeit für Hirsche der AKL II beantragt, um den Rotwildbestand im Interesse der Land- und Forstwirtschaft zu verringern.

Der vorstehenden Maßnahmen bedarf es nicht, wenn die Zuwachsträger konsequent und intensiv bejagt werden und die Population das für den Lebensraum tragfähige Maß erreicht hat. Man sollte die Störbelästigungen der Rotwildpopulation nicht ausufern lassen, denn es ist nicht auszuschließen, dass die frühzeitige und forcierte Entnahme von Kälbern das Verhalten der Alttiere verändert. Im Übrigen werden die übermäßigen Wildschäden nicht durch den Abschuss einzelner Hirsche verkleinert, sondern nur durch die gezielte Entnahme von Zuwachsträgern verringert.

Abschließend wird nochmals bemerkt, dass auf der Ebene einer Rotwild-hegegemeinschaft alle Jagdausübungsberechtigte von Jagdbezirken mit einer Abschussfreigabe ab 10 Stück Rotwild aufwärts zu verpflichten sind die frühzeitige Entnahme von Rotwildkälbern zu betreiben. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Jagdausübung in gepachteten Jagdbezirken erfolgt oder in Eigenregie vorgenommen wird. Eine besondere Bedeutung kommt den Revieren mit großen zusammenhängenden Waldflächen zu, denn dort befinden sich zumeist die bevorzugten Einstände des Wildes. Hier können und müssen im Monat August und in der ersten Hälfte des Monats September bei konsequenter und forcierter Bejagung Rotwildkälber zahlreich erlegt werden.

Die frühzeitige Bejagung der Kälber ermöglicht es den Jägern nach der Brunft die nicht mehr führenden Alttiere gesetzeskonform erfolgreich zu bejagen. Das führt zu einer Einengung der Zuwachsbasis. Wird dieses Vorgehen über mehrere Jahre hinweg angewandt, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit die spürbare Abnahme der derzeit noch untragbaren Wildschäden zu verzeichnen sein, zumal die alljährliche Entnahme von Schmaltieren ebenfalls zur Schmälerung der Zuwachsbasis beiträgt.

Um überbordende Rotwildpopulationen auf ein tragfähiges Maß abzusenken, genügt es aber nicht, nur mit dem skizzierten Verfahren zu operieren, vielmehr müssen den örtlichen Verhältnissen angepasste Bejagungsstrategien den eingeleiteten Reduzierungsprozess stützen. Wege dazu werden im folgenden Teil II dieser Abhandlung aufgezeigt; (Anm. der Redaktion: Vorgesehen in der Ausgabe 11/2016).

Literatur:

 

  1. HessenForst, LJV Hessen e. V., 2010: Leitfaden für die Rotwild-Hegegemeinschaften in Hessen
  2. Reimoser, F. (1989): Integrale wald- und wildökologische Raumplanung für Schalenwild im Vorarlberg, Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur (Hrsg.), Wien
  3. HMUKLV, 2013: Bäume, Wälder, Lebensräume – ausgewählte Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur (BWI³) für Hessen, S. 22
  4. www.Thünen-Institut.de, Dritte Bundeswaldinventur - Ergebnisdatenbank