Stöbern - das kann doch jeder...

Diese (wie ich hoffentlich nicht besonders
betonen muss) von mir provozierend
gemeinte Aussage beantworten relativ viele
Jagdscheininhaber für sich und ihren Hund
mit „JA“.
Was versteht man eigentlich unter Stöbern?
Stöbern meint das selbstständige
Suchen des Jagdhundes nach Wild. Es handelt
sich also eindeutig um eine Arbeit vor dem Schuss. Bedingung ist, dass die eingesetzten Hunde möglichst einzeln jagen sollen, sie sollen mit überwiegend relativ

tiefer Nase in unübersichtlichem Gelände (Wald, Dickung, Mais oder auch im Schilf) Fährten oder Spuren von Wild suchen, diesen möglichst fährten- oder spurlaut folgen, das Wild finden und in Bewegung bringen, damit es den ansitzenden oder angestellten Schützen in relativ gemäßigtem Tempo in Anblick kommt. Das Wild kann durch den laut jagenden Hund den Verlauf von dessen Arbeit aufmerksam verfolgen und sich frühzeitig ohne große Hektik in Bewegung setzen, um sich der Verfolgung zu entziehen. So kann dann auch der durch den Laut des
stöbernden Hundes bereits „vorgewarnte“ und damit aufmerksame Jäger das Wild gut ansprechen und ggf. einen sicheren Schuss antragen. Die Hunde sollten dabei möglichst „bogenrein“ jagen, also den bejagten, ihnen zugewiesenen Bereich nicht weiträumig verlassen.
Grundsätzlich verlangt das Jagdgesetz, dass bei diesen Jagden nachweislich brauchbare Hunde eingesetzt

werden müssen.
Nun ist es aber ja so, dass man die Hunde für diese Arbeit nicht so „abrichten“ kann, wie zum Beispiel zum Apportieren oder zur Schweißarbeit. Die letztgenannten, zu den Arbeiten nach dem Schuss gehörenden Aufgaben dürfen ausschließlich von geprüften Hunden durchgeführt werden, um tierschutzgerecht zu handeln und Leiden von kranken Wildtieren nicht unnötig zu verlängern.
Es ist jedoch keinesfalls so, dass jeder Jagdhund von Natur aus stöbern kann – die erforderlichen Anlagen dazu sind rassebedingt längst nicht in jedem Hund vorhanden und auch wenn sie vorhanden sind, müssen sie sinnvoll geweckt und entsprechend gefördert werden! Stöbern heißt nämlich keinesfalls „Hund einfach im Wald rennen
lassen“ oder „Hund jemandem mitgeben und der lässt ihn mehr oder weniger weit laufen“ … Schnell lernt nämlich dieser im Wald sich selbst überlassene Hund, dass es viel einfacher ist, sich dorthin zu begeben, wo andere Hunde bereits jagen und laut geben, als mühsam eine Fährte auszuarbeiten und selbst ein Stück Wild zu finden und auf die Läufe zu bringen. Um das erwünschte, selbstständige Stöbern mit jungen oder noch unerfahrenen
Hunden zu fördern, darf man die Lehrlinge daher zusätzlich zu den geforderten brauchbaren Hunden im praktischen Jagdbetrieb einsetzen, um sie einzuarbeiten. Was muss der Junghund dazu bereits können, bzw. wie sollte man ihn sinnvoll auf diese ersten Einsätze vorbereiten? Neben der bereits mehrfach erwähnten Anlage zu Selbstständigkeit, großem Finderwillen und möglichst genetisch verankertem Laut sowie einer gesunden Portion Wildschärfe muss ein guter Stöberhund auch in Zeiten von „Garmin und Co“, also trotz mittlerweile für jeden verfügbaren Ortungsgeräten, über einen guten Orientierungssinn verfügen, den Willen und auch das Vermögen „nach Hause“/zum Führer zu finden. Dieses Heimfindevermögen sollte man bereits sehr früh mit seinem Welpen und Junghund trainieren und sich nicht auf die oben genannten technischen Gerätschaften verlassen, auch wenn das verlockend (und oftmals auch wirklich sicherer) ist.

Neben viel „Training zum Gebrauch der Nase“ durch Spaziergänge in Wald und Flur, sowie dem Mitnehmen zu allen jagdlichen Arbeiten, wo er Erfahrungen macht und viele Geräusche und Gerüche kennenlernt, beginne ich bereits sehr früh mit (Futter-) Schleppen, kleinen Schweißfährten und dem Zeigen von jeglichem – toten und wann immer möglich auch lebenden – Wild, was im Revier vorkommt. (Präparierte oder gegerbte Decken oder Bälge halte ich dabei allerdings für unsinnig). Schnell steigert sich dabei normalerweise die Selbstsicherheit und Selbstständigkeit, sodass sich bald Gelegenheiten ergeben, dass der Führer sich vom Hund entfernt und sich – anfangs in der Nähe – irgendwo versteckt. Irgendwann beginnt der „Lehrling“ doch etwas „aufgeregt“ nach seinem Führer zu suchen, den er dann normalerweise auch bald mithilfe der Nase findet. Ein guter Anfang ist gemacht, so geht es, langsam in der Schwierigkeit gesteigert, immer weiter.
Parallel dazu sollte man immer wieder Gelegenheiten suchen, im Wald kurze Stücke von Fährten beobachteten Wildes auszuarbeiten und wo möglich auch Spuren von Hasen arbeiten zu lassen. Wo das möglich ist, darf der Junghund anfangs auch mal das dazu gehörende Wild sehen, um die Wittrung zuordnen zu können. So wird die Sicherheit im Arbeiten von Spuren und Fährten gefestigt, die Selbstständigkeit gefördert und mit der zunehmenden Sicherheit entwickelt sich im Allgemeinen auch der Laut. Wichtig ist, dass der Führer den jungen (suchenden oder Fährten/ Spuren arbeitenden) Hund zunächst immer am Abgang erwartet, Geduld bringt auch hier mehr als Hektik oder jede Form von Ungeduld. Wer keine oder nur wenig Zeit hat, sollte das „Üben“ mit seinem jungen Stöberhund auf einen anderen Tag verschieben, es wird garantiert sonst nichts und man verdirbt sich eher noch das bereits Erarbeitete. Nie, nie, niemals darf man einen Hund – und besonders einen Stöberhund, der ja selbstständig arbeitet und immer gern und freudig zurückkommen soll – beim Zurückkommen strafen oder beschimpfen, egal wie lange man warten musste! Wenn man wirklich nach langem Warten den Platz verlassen muss, von wo aus der Hund sich entfernt hatte, dann sollte man eine Decke/Jacke und Wassernapf
dort auslegen und in kurzen Abständen nachsehen, wann der Hund wieder zurück ist. Er wird dann absolut freudig empfangen! Selbstverständlich muss der „normale Gehorsam“ parallel dazu auch erarbeitet werden, aber getrennt von der Stöberarbeit und dem Arbeiten von Spuren.
Ich arbeite meine jungen Hunde zum Stöbern übrigens sehr gern in Kulturgattern oder gezäunten Weihnachtsbaumkulturen ein. Die ersten echten Einsätze zum Stöbern für den noch jungen Hund sollte man am besten auf kleineren Jagden machen, wo man den Hund – deutlich kenntlich gemacht mit farbiger Weste und Markierungshalsband – im begrenzten Umfeld beim Arbeiten beobachten kann, bzw. von Jagdfreunden beobachten lassen kann. Am Besten anfangs dicht an einer üblicherweise wildreichen Dickung geschnallt, wird er hoffentlich bald alleine Wild finden und laut auf die Läufe bringen. Wenn es gut läuft, kann das auf Entfernung
laut vom Hund verfolgte Stück beim Verlassen der Dickung hoffentlich erlegt werden und dieser Erfolg wird den Junghund sehr positiv prägen. Wer nicht will, dass sein Hund mit Vorliebe an Rehwild jagt, sollte dafür sorgen, dass dieser erste und prägende Erfolg möglich an Schwarzwild stattfindet.
Hilfreich für den Führer, um die Arbeitsweise des Hundes einschätzen zu können und den Hund auch auf eventuelle Gefahren bei den meisten heutigen Jagden vorzubereiten, ist auch der Besuch in Schwarzwildgattern, damit die selbstständig arbeitenden Hunde lernen, sich am erwarteten Wild richtig zu verhalten. Gerade hier besteht nämlich auf größeren Jagden die Gefahr, dass sich der Junghund anderen Stöberhunden anschließt und in dem Gefühl „gemeinsam sind wir stark“ unbedarft und „übermütig“ herangeht. Auf jeden Fall sollte ein Führer seinem zum Stöbern eingesetzten Hund eine Schutzweste (nicht nur eine Warnweste) „gönnen“, denn auch mancher gar nicht so mutige Hund wurde in den letzten Jahren beim weit verbreiteten Vorkommen von Schwarzwild bereits geschlagen …

Ich wünsche allen Führern mit ihren gut vorbereiteten Hunden eine unfallfreie, erfolgreiche Jagdsaison und viel
Waidmannsheil!